PIERRE TEILHARD DE CHARDIN (1881-1955)
SEIN WELTBILD

Einführung


Warum Beschäftigung mit Pierre Teilhard de Chardin?

Ständig wachsen die Bemühungen um interdisziplinäre Gespräche. Umfassender Frieden, das ist heute unbestrittene Einsicht, wird nur möglich durch eine die verschiedenen Wissenschaften verbindende Friedensforschung. Der wissenschaftlich- technische Fortschritt verlangt heute nach einer Verantwortung, die Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft aufeinander verweist. Um so schmerzlicher empfinden wir den Graben zwischen diesen beiden Bereichen, die Schwierigkeiten im gegenseitigen Verstehen. Kein einzelner kann noch die Wissenschaften überschauen und ihre Erkenntnisse zu einem Weltbild zusammenfügen. Aber mit der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu lösen, schwinden auch die Bemühungen darum. Doch die Aufgabe bleibt als Frage an den einzelnen, wie er sich in dieser Welt versteht und wie er die Welt versteht, in der er lebt.

Ein Mann, dessen Anliegen es war, den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaft zu überspannen, war Pierre Teilhard de Chardin. Es ging ihm um die Aussöhnung zwischen Christentum und Naturwissenschaft. Er hat nie den Anspruch erhoben, ein vollkommenes Weltbild entwickelt zu haben; und was er versuchte, ist ihm auch nur unvollkommen gelungen. Zu rasch schreiten die wissenschaftlichen Erkenntnisse fort, - so daß einige seiner Forschungsergebnisse bereits überholt sind. Zu sehr ist Teilhard dem Geist der letzten Jahrhundertwende verhaftet, - so daß ihm eine wirkliche Transformation der Begriffe nicht geglückt ist.  

Es geht hier darum auch nicht um die Verabsolutierung der Teilhardschen Gedanken, sondern vielmehr um das Erkennen einer Aufgabe, die jeden angeht, der sich seiner selbst und seines Menschseins in der Welt bewußt ist und um die Nötigung, in der Auseinandersetzung mit einem Denker wie Teilhard de Chardin eine eigene Position und eine eigene Antwort zu finden.

Teilhard war alles Doktrinäre fremd, fremd war ihm jeder drängende und darum falsche missionarische Eifer. Er lädt vielmehr dazu ein, seinen geistigen Standort einzunehmen und von hier aus zu 'schauen'. Was ihm vorschwebt, mögen drei Zitate aus seinem Werk verdeutlichen:  

Es (dieses Buch) möchte lehren, Gott überall zu sehen: in dem, was das Geheimste, Beständigste, Endgültigste unserer Welt ist. Was diese Seiten enthalten und vorschlagen, ist also nur eine praktische Haltung - oder, genauer vielleicht, eine Erziehung der Augen. Wir wollen nicht diskutieren, nicht wahr? Stellt euch vielmehr hierher, wo ich stehe, und schaut! Dieser bevorzugte Punkt ist nicht ein schwieriger, nur einigen Auserwählten vorbehaltener Gipfel, sondern ein fester, durch zweitausend Jahre christlicher Erziehung errichteter Standort . ..

(Der Göttliche Bereich, Olten und Freiburg 1962, S. 21) 

Du sollst wissen, daß mein Artikel bei den Etudes nicht angenommen wurde. Im Grunde wundert mich das nicht. Abgesehen von den Dingen, die vielleicht objektiv anfechtbar sind, hat er einen Ton, der die braven und sanften Leser der Zeitschrift (das vor allem haben die Zensoren einzuwenden) verwirrt hätte... Be! all dem sehe ich kaum, wie meine Ideen anders das Licht der Welt erblicken werden als im Gespräch oder in Form von Manuskripten, die unter der Hand herumgereicht werden. Der Wille des Herrn geschehe. lch bin entschlossen, meinen Weg geradeaus weiterzugehen, weil ich mir selber treu sein muß.

(Entwurf und Entfaltung, Briefe aus den Jahren 1914-1919, Freiburg/München 1963, S. 187) 

Je weiter ich komme, desto fester bin ich entschlossen, über den politischen und nationalen Anliegen zu stehen, wie immer sie sind, und offen zu sagen, was ich denke, unbesorgt darum, was die anderen sagen oder gesagt haben. Der Augenblick scheint mir gekommen, wo die Menschen, wenn sie sich jemals verstenen sollen, sich in einem Punkt verstehen werden, der sich als Bruch, Widerspruch oder Erneuerung einer Masse von Konventionen und Vorurteilen zeigt, die einen toten Panzer auf uns bilden. Wir alle brauchen in diesem Augenblick etwas anderes. Du weißt, dag diese Haltung für mich nichts Antichristliches hat, im Gegenteil. Für mich ist sie der Ruf nach dem unersetzlichen Offenbarwerden eines größeren Christus.

(Geheimnis und Verheißung der Erde, Reisebriefe 1923-1939,Herder-Bücherei Band 309, 1968, S. 106)

 


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